Genießen wir die Kaiserwiese, solange sie noch Wiese ist!

Im heutigen Beitrag wollen wir – man mag es kaum glauben – der Prater Wien GmbH gegenüber unsere Bewunderung bekunden. Zugegeben, wir haben etwas länger dafür gebraucht, um die Originalität und Genialität deren Plans für die Kaiserwiese zu erkennen, aber jetzt kommen wir nicht mehr aus dem Staunen. Und das kam so …

Bekanntlich verwaltet die Prater Wien GmbH (registriert im Firmenbuch unter der Nummer FN 287898f) unter anderem auch die Kaiserwiese (wir haben im Jänner 2019 näher darüber berichtet). Im vergangenen Jahr (angeblich am 29.05.2018) hat nun die Prater Wien GmbH eine vor ihr so genannte „Benützungsregelung für den Wiener Volksprater“ (nachfolgend kurz als die „Hausordnung“ bezeichnet) veröffentlicht, welche sich laut deren Punkt 1. eben auch auf die Kaiserwiese erstrecken soll. Betrachtet man diese Hausordnung im Detail, erkennt man recht schnell, dass die Nutzung der Kaiserwiese durch Privatpersonen zu Erholungszwecken von der Prater Wien GmbH nicht erwünscht sein dürfte. So ist beispielsweise das „Herumlungern“ (was auch immer konkret darunter verstanden werden soll) gemäß Punkt 5 a. untersagt, und wird mit einem Platzverbot geahndet. Außerdem sind nach Punkt 5 c. jegliche Arten von Ballspielen und sportlichen Aktivitäten verboten. Hier stellt sich dem einfachen Bürger vermutlich sofort die spannende Frage, wie sich denn diese von der Prater Wien GmbH ausgesprochenen strikten Verbote mit der Widmung der Kaiserwiese als öffentliches Erholungsgebiet Parkanlage (Epk) vertragen sollen. Ist es denn nicht geradezu Zweck eines öffentlichen Erholungsgebietes darin je nach persönlicher Vorliebe ohne jegliche Aktivität auszuspannen (in der Diktion der Prater Wien GmbH wohl „herumzulungern“) oder eben einer sportlichen Aktivität nachzugehen? Allem Anschein nach soll also – zumindest nach den der Hausordnung zu entnehmenden Vorstellungen der Prater Wien GmbH – dem einfachen Bürger die Nutzung der Kaiserwiese praktisch verwehrt bleiben. Er darf dort ja weder nichtstuend herumliegen noch Sport betreiben. Allerdings gibt es (wenig verwunderlich) eine große Ausnahme: Für von der Prater Wien GmbH genehmigte Veranstaltungen gelten diese Verbote (natürlich) nicht! Zugespitzt formuliert: Solange dafür Geld in die Kassen der Prater Wien GmbH fließt, darf man auf der Kaiserwiese machen was man will. Wer hingegen nichts zahlt, soll die Kaiserwiese besser erst gar nicht betreten. So zumindest wenn man die Bestimmungen in der Hausordnung näher analysiert. Und dass es der Prater Wien GmbH damit recht ernst sein dürfte, zeigen auch im April 2019 beobachtete Vertreibungen von sich auf der Kaiserwiese niedergelassener Personen durch Mitarbeiter der Prater Wien GmbH. Ohne diese Vorfälle hier näher zu thematisieren, gehen wir allerdings davon aus, dass diese merkwürdige Vorgangsweise ein zumindest politisches „Nachspiel“ nach sich ziehen wird. Aber, und hier kommt jetzt der Clou, in naher Zukunft werden Vertreibungen und Platzverbote faktisch gar nicht mehr nötig sein, um die Kaiserwiese „frei“ zu halten. Das wird sich nämlich durch die äußeren Umstände vermutlich fast von selbst ergeben.

Dem aufmerksamen Beobachter werden die in letzter Zeit (wie auch am 3. Mai 2019) immer häufiger auf der Kaiserwiese anzutreffenden „Wasserlacken“ kaum entgangen sein. Manche davon erreichen gut und gerne eine flächenmäßige Ausdehnung von 15 bis 20 Quadratmetern, und halten sich teilweise über mehrere Wochen. Der Grund für deren Auftreten ist wahrlich kein besonderes Geheimnis. Seit einigen Jahren lässt die Prater Wien GmbH nahezu keine Gelegenheit aus, um die Bodenschichten auf der Kaiserwiese nachhaltig zu verdichten. Vor allem beim Auf- und Abbau von Einrichtungen für diverse Veranstaltungen fahren (manchmal monatelang) tonnenschwere LKW und Baumaschinen kreuz und quer auf der Kaiserwiese herum. Und während der Veranstaltungen selbst pressen dann die noch schwereren Aufbauten die Bodenschichten darunter restlos zusammen. So ist es kaum verwunderlich, wenn der Boden unterhalb der obersten Grasschicht mit der Zeit nahezu undurchdringlich geworden ist. Die desaströsen Auswirkungen der Veranstaltungen auf die (sichtbare) Grasschicht springen jedermann sofort ins Auge. So gibt es beispielsweise jeden Oktober nach der „Wiener Wiesn“ auf der Kaiserwiese – salopp gesagt – kaum noch einen lebenden Grashalm. Weil diese Zerstörung zu offensichtlich ist, wird deshalb – vermutlich zur Besänftigung der Bevölkerung – auch jährlich ein neuer Rollrasen verlegt. Das kann aber gelinde gesagt bestenfalls als „oberflächliches Ablenkungsmanöver“ bezeichnet werden. Die eigentliche Zerstörung liegt nämlich tiefer im Boden. Und weil eben die Schichten unterhalb des darüber ausgerollten „Grasteppichs“ mittlerweile so verdichtet sind, kann Wasser dort nicht versickern und verbleibt stattdessen an der Oberfläche, wo es die beobachteten Lacken und Tümpeln bildet. Was für gelegentlich die Kaiserwiese besuchende Wasservögel womöglich angenehm sein mag, bedeutet für die erholungssuchende Bevölkerung den faktischen Ausschluss von jeglicher Benutzung der Kaiserwiese, legt sich doch fast niemand freiwillig in eine Pfütze. (Die fatalen Auswirkungen der Bodenverdichtung auf die auf der Kaiserwiese wachsenden Bäume und deren Wurzeln seien hier lediglich am Rande erwähnt, und sollen in einem eigenen Beitrag dazu näher erörtert werden.)

Und hier zeigt sich jetzt die beeindruckende Meisterhaftigkeit des Plans der Prater Wien GmbH. Man organisiere möglichst viele Veranstaltungen auf der Kaiserwiese, vorzugsweise solche, in deren Zuge die Wiese mit schwerem Gerät „zugepflastert“ wird. Das steigert einerseits die Gewinne, und andrerseits wird der Boden mit jeder Veranstaltung stärker verdichtet. Den kritischen Beobachtern streut man Sand (hier eher „Rasen“) in die Augen, indem man nach jeder Veranstaltung einen neuen grünen Teppich über die Kaiserwiese rollt – was vielleicht schön aussehen mag, der Wiese in Wahrheit aber überhaupt nichts bringt – während die tieferen Bodenschichten nach und nach absterben. Sobald sich dann zwangsläufig infolge der Bodenverdichtung immer häufiger „oberflächliche Großstadtsümpfe“ bilden, braucht man auch gar nicht mehr mit fragwürdigen Maßnahmen gegen auf der Kaiserwiese verweilende ungebetene Erholungssuchende vorgehen, weil deren keine mehr auf der (triefend nassen) Wiese anzutreffen sind. Auf Veranstaltungen hat das auf der Wiese stehende, nicht versickernde, Wasser ohnehin keine negativen Auswirkungen, finden diese doch, wie prototypisch die „Wiener Wiesen“, auf eigens dafür verlegten Plattformen statt, damit nur ja nicht die Schuhe der zahlenden Besucher nass werden.

Und, kommen Sie, geschätzter Leser, jetzt ob dieser atemberaubenden Genialität nicht mehr aus dem Staunen heraus? Nun, diese ließe sich sogar noch eine Stufe steigern:

Nach Jahren des institutionalisierten Austausches mittlerweile permanent durchnässter Rasenteppiche, taucht plötzlich der Vorschlag auf, man möge doch in Erwägung ziehen, die Kaiserwiese komplett zu versiegeln (sprich: „betonieren“), um den ökologischen Problemen Herr zu werden, und die permanenten „Überflutungen“ zu unterbinden. Wenn sich daraufhin auch noch ein Politiker zur Wort meldet und zur Beschwichtigung der verunsicherten Bevölkerung verkündet. „Niemand hat die Absicht die Kaiserwiese zu betonieren!“, (copyright Walter Ulbricht, SED) dann können Sie mit Sicherheit davon ausgehen, dass der Wiese letzte Stunde geschlagen hat, und demnächst eine allenfalls zur Tarnung grün bemalte, sowie mit mobilen Baumattrappen ausgestattete Betonfläche das Vorfeld des Riesenrads schmückt. Die nachfolgende Umbenennung von „Kaiserwiese“ in „Kaiserplatz“ sollte dann keine unüberwindbaren Probleme mehr aufwerfen.

In diesem Sinne: Genießen Sie die Kaiserwiese, solange sie noch eine Wiese ist, und hoffen wir, dass aus Ironie kein Ernst wird.

Foto vom Freitag, 3. Mai 2019

Autor: M. W.